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Bewertung: 9.2
Suchtambulanz
Länge: 4:08
Geöffnet an 365 Tagen im Jahr: die Suchtambulanz in Koblenz. Drei Ärzte teils angestellt und ihre Helferinnen betreuen hier Patienten mit eine harter Drogenvergangenheit mehr als 200 Suchtkranke. Gerade zu Beginn ihrer Ersatztherapie müssen sie täglich hierher kommen können auch an Ostern oder Weihnachten.
O-Ton Patient
Die Praxis ist halt gut, weil die auf Sucht zugeschnitten sind. Bei den anderen Ärzten, wo ich vorher war, die sind halt Allgemeinärzte, die nicht jetzt mit Sucht zu tun haben, im direkten Sinne.
Haargenau wird dosiert, für jeden Süchtigen individuell bemessen. Jeder Milliliter, der opiatabhängigen Patienten verschrieben und verabreicht wird, muss dem Substitutionsregister gemeldet werden. Substituierende Ärzte werden streng kontrolliert. Und sie wiederum kontrollieren die Patienten streng. Auch die Mitarbeiterinnen sehen genau hin.
O-Ton Patient
Dann wird halt gekuckt: Ist man sauber, ist man nicht sauber, hat man Beikonsum zu dem Methadon, was man hier bekommt, und dann entscheiden die halt, ob man in die Apotheke gehen kann, mit nach Hause bekommt ne Woche oder so.
Urinproben werden regelmäßig analysiert. Das Praxisteam kennt alle Tricks und lässt sich nicht täuschen. Durch ihre Arbeit ist Beschaffungskriminalität ebenso kein Thema mehr für ihre Patienten, wie Infektionen durch Spritzen oder körperlicher Verfall.
O-Ton Joachim Courtial
Wir haben aber auch festgestellt, dass man sich gerade in der Suchtambulanz sehr intensiv um Patienten kümmern kann und damit auch um die eben nicht gut Führbaren, um die Schwierigen, um die stark Suchterkrankten, die einfach eine tägliche direkte Kontrolle inklusive Urinkontrollen oder auch Alkoholkontrollen bedürfen.
Darauf hat Joachim Courtial sein Konzept für die Suchtambulanz ausgerichtet zuerst vor zwei Jahren in Neuwied. Mit so großem Erfolg, dass er nun auch die Zweigstelle in Koblenz eröffnen konnte. In ganz Deutschland waren im vergangenen Jahr knapp 75 000 Substitutionspatienten angewiesen auf nur rund 2700 substituierende Ärztinnen und Ärzte. Qualifiziert wären doppelt so viele. Doch bei der KV Rheinland-Pfalz beobachtet der Qualitätsexperte Wolfgang Weber: Niedergelassene fürchten oft zu sehr, sich mit Suchtpatienten auch eine Reihe von Problemen in die Praxis zu holen.
O-Ton Wolfgang Weber
Jeder Arzt, der diese Patientengruppen behandelt, weiß halt eben, dass er sich ein bestimmtes Klientel in die Praxis nimmt das schreckt andere Patienten ab, die halt eben mit diesen Personen auch wenig Umgang haben; hinzu kommt halt eben, dass der Arzt verpflichtet ist, sehr detailliert zu dokumentieren und damit seine, ich sage mal, seine Haftpflichtsicherheit unter Beweis zu stellen; denn wenn irgend etwas passiert wir hatten schon einige Fälle Patienten verstorben sind, wo die Staatsanwaltschaft sehr schnell bei uns nachfragt, wie ist denn sichergestellt gewesen, dass: Ihr auch nur in dem notwendigen Umfange dem Patienten das Methadon verabreicht habt, wie es medizinisch notwendig war und dann muss der Arzt sich halt eben auch erklären und deshalb: Diese Dokumentationsvorgaben, die von dem Arzt erst mal nur als Gängelung verstanden werden, als zusätzliche Bürokratie, die aber aus Qualitätsgründen schon notwendig und sinnvoll sind.
Ihn schreckt die Bürokratie nicht ab. Und das Risiko, seine anderen Patienten zu vergraulen, hat er durch das Auslagern beseitigt: die Suchtambulanz getrennt von seiner Allgemeinarztpraxis.
O-Ton Joachim Courtial
Diese ganzen Erfahrungen bündelt man und schafft dann ein Konzept. Und man muss beobachten, ob es funktioniert, ob es angenommen wird, ob es tragbar ist. Und dieses Konzept, das wir jetzt gefunden haben, haben wir jetzt auch eins zu eins nach Koblenz übernommen, imitiert weil es halt eben auch gut ankam und wir jeden Tag hier gerne arbeiten.
04.08.2010
Etwa 75.000 Patienten in Deutschland sind in Substitutionsbehandlung. Rund 2.700 Ärzte betreuen diese Patienten - und stehen damit vor besonderen Herausforderungen. Die Dokumentation muss sehr detailliert sein, um die Ausgabe jedes einzelnen Tröpfchens Methadon rechtfertigen zu können. Andere Patienten wiederum werden von Patienten mit Drogenvergangenheit verschreckt. Eine Suchtambulanz getrennt von der normalen Praxis kann dafür eine Lösung sein. Für Joachim Courtial hat dieses Konzept so gut funktioniert, dass er nun sogar eine Zweigstelle eröffnet hat.