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Bundestagswahl 2017

Gesundheitsversorgung zukunftsfest machen

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Gesundheitspolitik kommt kaum in den Parteiprogrammen vor. Wie bewerten Sie das?
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Sicherlich hat die eine oder andere Partei durchaus so ein paar Gaben versteckt in den Parteiprogrammen; Thema Bürgerversicherung und einige andere zum Teil noch wirrere Vorschläge. Aber im Großen und Ganzen haben Sie Recht, es ist nicht ein so prägnantes Thema. Und das zeigt letzten Endes auch, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland hervorragend funktioniert. Das heißt, man sieht auch nicht wirklich Druck, etwas zu verändern. Dass man immer weiter versucht, das System noch zu verbessern und die Stabilität zu halten, ist völlig in Ordnung. Aber für grundsätzliche Reformen gibt es auch keine Notwendigkeit."


Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für eine zukunftsfeste Versorgung?
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Genau das ist der Punkt. Wir müssen die ambulante Versorgung in der Qualität zukunftsfest machen. Das ist auch nicht trivial; das wird man nicht mit Systemwechseln herbeiführen können. Aber man wird sich den Herausforderungen, wie einer älter werdenden Bevölkerung, einer Verlagerung hin zu Ballungsräumen, stellen müssen. Man wird auch den Nachwuchs in die Versorgung einbinden müssen. Das sind alles Herausforderungen, die zu meistern sind, aber für die man sich schon jetzt bereits präparieren muss. Das haben wir in dem Konzeptpapier 2020 getan. Wir bieten die Lösungen an, die Probleme aus unserer Sicht – und wir haben ja noch ein gewisses Standing in dem Bereich, denn wir stellen seit Jahrzehnten sicher – dauerhaft auch lösen können."


Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Alle haben leuchtende Augen, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. Und natürlich bringt Digitalisierung an vielen Stellen auch Verbesserungen mit sich. Aber im Zeitalter auch von Cyberattacken und vielem anderen mehr, sieht man eben auch die Risiken. Von daher muss man hier sicherlich eine Abwägung treffen. Da, wo Digitalisierung sinnvoll ist – und sinnvoll heißt aus unserer Sicht: Wo es der Behandlung unserer Patienten dient –, wo es eben Abläufe beschleunigt, verbessert, auch Patienten enger an die Diagnostik anbindet, ist es sicher sinnvoll, vorausgesetzt die Datensicherheit und die Sicherheit der Patientendaten sind jederzeit gewährleistet. Aber nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Von daher, glaube ich, ist es sehr gut und richtig, dass man sich mit dem Thema offensiv auseinander setzt. Das tut die KBV, aber hier danach abschichtet, was ist wirklich sinnvoll."


Stichwort Umwidmen unrentabler Kliniken: Wie fällt die Resonanz der Politik bisher aus?
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Die Resonanz ist gar nicht so negativ, wie man meinen könnte. Und es ist nicht nur die Politik, die diese Vorschläge durchaus als konstruktiv wahrnimmt. Sondern wir hören ja sogar aus den Reihen der Krankenhausärzte, der ehemals Krankenhaus-leitenden Ärzte, dass viele Krankenhäuser a) nicht rentabel sind und b) auch qualitativ nicht in der Lage sind, die Herausforderungen moderner stationärer Medizin zu meistern. Es wurde mal von drei ehemaligen chirurgischen Chefärzten an der Stelle darauf hingewiesen, dass sie der Meinung wären, dass Krankenhäuser, die eine operative Abteilung unterhalten und kein CT oder keine Intensivstation vorhalten, eigentlich grundsätzlich vom Netz genommen werden sollten.
Sie sehen also, die Diskussion ist überall entbrannt. Wichtig ist, dass man hier die Nöte und Sorgen der Patienten vor Ort wahrnimmt, die natürlich Angst haben, dass sich die medizinische Versorgung verschlechtern könnte, wenn ein seit ewigen Zeiten dort verortetes Krankenhaus plötzlich schließt. Das ist aber das, was wir nicht wollen. Es geht dabei darum Krankenhauskapazitäten, also Bettenkapazitäten, die kein Mensch braucht, zu reduzieren und sie da zukunftsfest zu machen, wo wir sie brauchen, nämlich in Ballungszentren, Häuser der Maximalversorgung, oder durchaus auch auf dem Land, wenn es sonst keine andere Versorgungsstrukturen gibt. Aber da, wo diese Krankenhäuser als Krankenhäuser nicht mehr gebraucht werden, da wäre es eine Idee, sie als quasi Gesundheitszentrum, ohne diesen Begriff jetzt gleich festsetzen zu wollen, zu etablieren und dann in einer kooperativen Zusammenarbeit auch mit Niedergelassenen vor Ort für die Patienten die medizinische Versorgung nicht nur sicherzustellen, an der Stelle, wahrscheinlich sogar zu verbessern."


Was würden Sie gerne den Parteiprogrammen hinzufügen?
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Also grundsätzlich, glaube ich, wäre es sinnvoll, wenn sich die Parteien dazu bekennen würden, das System der Selbstverwaltung, was in den letzten Jahren gut funktioniert hat, weiter zu erhalten, und nicht, wie es in den vergangenen Jahren mitunter geschehen ist, zu schwächen, sondern eher zu stabilisieren. Dass man also die bisher jahre- und jahrzehntelange gute Zusammenarbeit auch honoriert mit einem gewissen Vertrauenszuschuss und hier uns Spielräume einräumt. Ich glaube damit könnte viel gewonnen werden. Ich glaube, wir müssen das System evolutionär entwickeln und verbessern. Da sind immer Verbesserungsoptionen. Kein System ist perfekt. Aber fundamentale Änderungen, wie sie von manchen Parteien, ich nehme nur das Stichwort Bürgerversicherung, in den Raum gestellt werden, zeugen entweder von völliger Unkenntnis der Sachlage oder offenbaren ein rein ideologisches Verständnis von Gesundheitsversorgung. Und da muss ich offen gestehen: Ein so wichtiges Gut wie Gesundheitsversorgung ist zu kostbar, als dass man es auf dem Altar politischer Denkspiele opfern sollte."

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