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Substitutionspraxis

„Es ist eine enge Bindung“

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O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Wir kennen die alle vom Gesicht. Die kommen, dann gucken wir: Welche Dosis? Liegt irgendwas an? Muss irgendwas besprochen werden? Müssen wir eine Urinkontrolle machen? Da haben wir aber Listen. Die haben wir extra vorne schon liegen, weil das kann man auch nicht alles im Kopf haben. Dann kriegt er seine Dosis und dann kann er gehen. Oder wenn es ein Take-Home-Patient ist, sprich: Der kommt einmal die Woche in die Praxis, der muss vor unseren Augen das nehmen, damit wir uns auch überzeugen, dass er die Dosis nimmt. Nicht dass er die Hälfte nimmt und die andere Hälfte verkauft. Und dann kriegt er ein Rezept, weil das Medikament mitgeben, dürfen wir nicht. Dann kriegt er ein Rezept und dann holt er sich seine sechs Tage dann unten in der Apotheke.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Das Rezept ist in der Tüte drin.“

O-Ton, Patient:
„Alles klar. Ich bedanke mich.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„So und wie gewohnt bitte unter die Zunge legen.“

O-Ton, Patient:
„Alles klar, soll ich jetzt noch warten?“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Ne ne, Sie können gehen. Ist gut.“

O-Ton, Patient:
„Tschüss, bis morgen“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Tschüss.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„15 Patienten kommen jeden Tag. Der Rest kommt als Take-Home entweder Montag, Dienstag oder Mittwoch.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Das Buprenorphin: der Wirkstoff mit zwei Milligramm und die haben alle eine Sicherheitsöffnung. Und zwar ist die hier vorne, das ist quasi die Kindersicherung. Und dann müssen Sie das ganz feste
reißen und dann kommt die Tablette raus. Die geben wir dem Patienten dann auf die Hand und der Patient muss beispielsweise die Buprenorphin-Sachen unter die Zunge legen und die schmelzen dann.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Ist Ihnen nicht zu warm vom Fahrradfahren jetzt hier?“

O-Ton, Patient:
„Doch.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Polamidon, Methadon, kann man ja eigentlich so ein bisschen gleichsetzen. Dann gibt es ja noch Buprenorphin, das macht nicht so müde. Hat auch nicht so viele Nebenwirkungen.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Die Substitutionsmittel sind im Safe verpackt. Die kommen morgens raus und die sind eigentlich schon fix und fertig in diesen Döschen drin. Also, jeder Patient hat hier seinen Namen und da sind auch die Substitutionsmittel drin. Das ist für uns sehr wichtig, weil wir ja auch immer abgleichen. Wir müssen ja in der Kladde auch dokumentieren: Er hat jetzt zwei Milligramm bekommen, abstreichen, so und so viel ist noch da. Das ist ganz einfache, klare Buchführung. Es ist noch nie irgendwas schiefgegangen.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Also es ist vor allen Dingen administrativ und bürokratisch sehr aufwendig. Wir müssen alles dokumentieren. Im Grunde doppelt dokumentieren. Wir müssen es bei uns in der Patientenakte dokumentieren. Wir haben noch so BTM also Betäubungsmittelbögen die dokumentiert werden müssen. Wir haben den Safe. Wir müssen gucken, welcher Patient darf das Rezept mitbekommen? Weil Tabletten dürfen wir ja nicht mitgeben. Welcher Patient kommt jeden Tag? Da haben wir extra Listen bei uns im Büro hängen. Also, administrativ ist es schon recht aufwendig, von den Patienten her. Die meisten kenne ich jetzt seit über zehn Jahren, da passiert auch nicht jeden Tag was Neues, sondern da kenne ich die Geschichte. Also, da muss ich nicht jedes Mal neu darüber nachdenken, was ist denn jetzt mit den Patienten.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Ich mach das ja jetzt seit 14 Jahren in der Praxis. Am Anfang hatte ich drei Patienten. Einfach um da reinzuschnuppern und das langsam aufzubauen. Also, ich würde nie mit 50 jetzt anfangen, sondern einfach dann auch sehen, man kriegt ja auch was zurück von den Patienten. Die sind ja auch dankbar und am Anfang würde ich dann auch eher Leute nehmen, die eher so Take-Home-fähig sind. Also die sozial integriert sind. Ich würde nicht direkt mit denen anfangen, die alkoholisiert ankommen und Beigebrauch haben. Auch die brauchen natürlich irgendwo einen Platz, die würde ich allerdings erst mal einem Spezialisten überlassen. Aber wenn man da langsam reinwächst, glaube ich, kann das eine sehr befriedigende Arbeit sein.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Wenn Sie nichts von mir hören, dann sind die Laborwerte in Ordnung. Ansonsten würde ich mich melden. Sie machen nächste Woche mit der normalen Dosis dann wieder weiter.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Urinkontrollen machen wir natürlich, klar. Und zwar wie uns das gerade gefällt. Wir legen natürlich keine Zeiten fest, das ist klar. Sonst könnten sich die Patienten vorbereiten und die bereiten sich vor. Die haben immer irgendwas in der Hosentasche oder sonst irgendwo. Da müssen Sie also immer höllisch aufpassen. Vieles machen wir unter Sicht. Die Patienten die bekannt sind, werden unter Sicht kontrolliert, das kennen die. Das sind sie gewöhnt. Wenn dann natürlich diese Dinge nicht eingehalten werden, wird das natürlich widerrufen. Das macht die Frau Doktor dann ganz klar. Also wenn wir merken, es ist eine UK positiv, dann gibt es ein Gespräch bei Dr. Weber und kein Take-Home. Täglich kommen.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Bis nächste Woche, gell?“

O-Ton, Patient:
„Bis nächste Woche, Dankeschön.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Die flüssigen Vergaben, die sind ja in diesen; Ich mache es jetzt nicht auf, weil die haben eine Kindersicherung. Also da drückt man einfach drauf und dann drehen. Und dann schütten wir diese Substanz in einen leeren Becher und der Patient füllt sich das mit Wasser auf, wenn er möchte. Es gibt auch Patienten, die trinken da direkt aus dem Becher raus. Und dann dürfen die im Prinzip dann gehen.“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Man begleitet sie sehr lange und ich freue mich dann wenn Einiges ganz gut läuft. Wir haben einige, die haben Kinder bekommen, neuen Job bekommen oder wie auch immer. Natürlich gibt es auch negative Sachen, Jobverlust oder Tod eines Elternteils oder wie auch immer. Es ist eine enge Bindung.“

O-Ton, Patient:
„Ok. Dankeschön.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Was mach der Kleine?“

O-Ton, Patient:
„Dem geht’s gut. Wächst und gedeiht.“

O-Ton Christine Schmitz, MFA und Substitutionsassistentin:
„Super. Tschüss“

O-Ton Dr. Astrid Weber, Internistin:
„Bisher war es eigentlich immer so, und so steht es auch noch in den Bundesärztekammer-Richtlinien, das Ziel ist die Abstinenz. Wenn ich das als Erfolgsziel nehmen würde, hätten wir keinen Erfolg. Es gibt neue Leitlinien von der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, ich glaube jetzt schon bestimmt seit drei Jahren. Da haben wir eine neue Zieldefinition. Natürlich wäre schön Abstinenz, aber wichtig ist es, dass der Patient beigebrauchsfrei ist. Dass sich seine Gesundheit stabilisiert und auch wieder sozial integriert wird. Wenn wir das als Ziel nehmen, und ich persönlich nehme das als Ziel, haben wir sehr guten Erfolg. Unsere Patienten sind zwar weiterhin in der Substitutionsbehandlung, aber sie haben Familie, sie gehen arbeiten. Oder natürlich haben wir auch Leute, die nicht arbeiten gehen, die im Hartz IV-Bezug sind, aber sie können ihr Leben leben und es geht Ihnen einigermaßen. Die wenigsten haben Beigebrauch, die meisten von Ihnen sind stabil.“

31.01.2017

Für viele suchtkranke Patienten ermöglicht die Einnahme von Ersatzdrogen ein normales Leben. Doch wie läuft eigentlich die Arbeit einer Substitutionspraxis ab und welche Herausforderungen müssen gemeistert werden? Ein schönes Beispiel ist die Hausarztpraxis von Dr. Astrid Weber in Koblenz.