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Haftkrankenhaus Hohenschönhausen

Thema der Woche: Zellen statt Krankenzimmer

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Thema der Woche: Haftkrankenhaus Hohenschönhausen

27. Januar 2012
Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen




O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
„Das Krankenhauspersonal, Wachleute, wie auch Mediziner in der Stasi, in diesem Apparat, der über 100.000 Leute beschäftigte, die vis-à-vis dem vermeintlichen Feind ins Auge geblickt haben. Insofern kann man auch die Bedeutung bemessen, die diese Arbeit für die Stasi hatte.
Der medizinische Standard entsprach ungefähr dem eines kleinen Kreiskrankenhauses der DDR. Die Ausstattung an sich mit Material war gut bis sehr gut. Hier gab es Dinge, die es in zivilen Einrichtungen nicht gegeben hat. Zum Beispiel ist ab den 70er Jahren durchweg mit Einweghandschuhen gearbeitet worden, mit Einwegspritzen, mit Material, das sonst im zivilen Leben in der Menge und der Qualität nicht zur Verfügung stand.“

Die oberste Pflicht der Mediziner: Die Gefangenen vernehmungsfähig und prozessfähig zu machen. Und sie von einem Selbstmord abzuhalten.

O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
„Man hat die Möglichkeit, dass jemand sich umbringen könnte, als feindlicher Akt des vermeintlichen Feindes gesehen. Und es entsprach der Allmacht-Phantasie der Stasi, das zu verhindern. Die Leute sollten auch keine Macht über ihren eigenen Körper haben.“

Wer hier liegt, ist in der politischen Haft erkrankt – oder beim Fluchtversuch gen Westen auf eine Mine getreten; von Grenzsoldaten angeschossen worden.
Der Patient weiß nicht, wo er ist. Hat keinen Kontakt zur Außenwelt. Hat keinen Namen; nur eine Nummer. Kennt keinen Namen derer, die ihn operieren, waschen, behandeln.

O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
„Sie wissen nicht einmal ob die Leute, die im weißen Kittel vor ihnen stehen, ob das überhaupt medizinisches Personal oder ausgebildete Ärzte sind. Das ist ein einzigartiger Zustand, für den es kaum Vergleiche gibt.“

Das Krankenzimmer: eine Zelle.

O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
"Krankenschwestern waren nie alleine bei einem Patienten, es war immer Wachpersonal mit dabei, um im Fall des Falles Widerstand brechen zu können. Dieses Wachpersonal musste auch Hilfsdienste leisten, musste manchmal schwer erkrankte Patienten umbetten oder mit Hand anlegen, musste Essen ausgeben, war im Grunde genommen aber einzig dafür die, die Leute permanent zu bewachen. Man hatte hier Handschellen, man hatte Fesseln, man hatte Gummiknüppel. Das ist also ein Repertoire, das man ansonsten in einem Krankenhaus nicht findet."

Zahl der Mitarbeiter: durchschnittlich sechzig Personen. Kompaniestärke. Zur Hälfte Wachsoldaten. Die andere Hälfte: medizinisches Personal. Alle hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit mit militärischen Diensträngen. Kaum einer von ihnen spricht heute darüber. Einzig eine ehemalige Krankenschwester.

O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
„Sie vertrat eine sehr reflektierte Position, die zeigt, dass diese Arbeit ihr damals auch zu schaffen gemacht hatte. Und dass sie mit dem, mit dem sie hier konfrontiert worden ist, nicht einverstanden war. Sie berichtete uns, dass sie diese Arbeit dann einfach als professionelle Herausforderung begriffen hatte. Sie hat ihren Dienst gemacht, ihren rein medizinischen Dienst. Und sie hat viele Dinge, die ansonsten an sie herangetragen worden sind, die SED-Arbeit oder die ideologische Schulung, die hat sie über sich ergehen lassen.“

Die Entscheidungshoheit im Haftkrankenhaus liegt nicht bei den Ärzten. Sondern bei den hochrangigen Stasi-Vernehmungsoffizieren. Sie können dadurch Häftlinge mit dem Vorenthalten der Behandlung erpressen. Etwa bei Krebspatienten.


O-Ton Dr. Tobias Voigt, Historiker bei der Stiftung Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen:
„Medizin bekommt hier also eine von sich selbst ziemlich entfremdete Hilfsfunktion in einem geheimpolizeilichen Verfahren.“

Insgesamt wurden hier stationärrund 3.700 Patienten behandelt. Die Zahl der ambulanten Behandlungen ist nicht bekannt.

Die meisten der Stasi-Ärzte ließen sich nach 1990 mit eigenen Praxen nieder.

 

 

27.01.2012

Wer die Freiheit suchte, wurde eingesperrt. Notfalls auch im Stasi-eigenen Krankenhaus in Berlin-Hohenschönhausen.

Die Stasi scheute keine Mittel, um Republikflüchtlinge aufzuhalten und flickte Schussverletzte und Minenopfer zusammen: im Haftkrankenhaus ihres Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen.
Dort arbeiteten Ärzte, Krankenpfleger und Krankenschwestern bis 1990 im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit. Streng geheim und streng überwacht.


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Das Stasi-Krankenhaus

Auf dem Gelände der streng geheimen Untersuchungshaftanstalt des DDR-Sicherheitsdienstes in Berlin-Hohenschönhausen befand sich bis 1989 das Haftkrankenhaus des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Ärzte, Pfleger und Schwestern waren allesamt Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Zeitungen, Bücher, Fernsehen, Besuche oder Anwälte waren Patienten nicht erlaubt. Stattdessen wurden sie auch am Krankenbett weiter verhört – und gefangen gehalten.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen veranstaltet mittwochs um 13 Uhr öffentliche Führungen durch das Haftkrankenhaus.

 

Infos zu Führungen